Christopher Lee – Krieg der Ringe

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Teil 3 – Wiederauferstehung des legendären Bösewichts

Es gab wohl kaum einen Filmstar, der auf eine ähnlich lange Karriere zurückblicken konnte wie Christopher Lee. Dazu gab es wohl niemanden, der ein auch nur annähernd so imposantes Comeback hinlegte wie der vielseitige Brite.

Christopher Lees Durststrecke Ende der 70er

Im Laufe der 70er-Jahre geriet die britische Filmindustrie allgemein, und damit der Horrorfilm-Sektor im speziellen, ins Straucheln. Man war hier schon lange auf das Geld aus Übersee angewiesen, und als die Koproduktionen mit den großen amerikanischen Studios und Distributoren zurückgingen, waren die Auswirkungen auf die britische Filmlandschaft teils verheerend. Christopher Lee nahm das Anlass, endlich seinem festgefahrenen Image als Vampir und Schurken vom Dienst in Europa zu entfliehen. Er siedelte in die Vereinigten Staaten über.

Aber aller Anfang ist schwer und sein Ruf als exzellenter Bösewicht eilte ihm voraus. So durfte er zwar in Airport ’77 – Verschollen im Bermuda Dreieck (1977) sogar einen Heldentod sterben, doch entsprachen die Stellenbeschreibungen in Filmen wie Das Ende der Welt (1977), Das Geheimnis des blinden Meisters (1978), Disneys Der Sieg der Sternenkinder (1978) mit Bette Davies oder Jaguar lebt! (1979) eher dem ihm altbekannten Rollenmuster. Unter Steven Spielberg schlüpft er in der Kriegskomödie 1941 – Wo bitte geht’s nach Hollywood? (1979) in die Rolle des Nazi-Captains von Kleinschmidt, der an der Seite von Toshirò Mifune in einem U-Boot die Westküste angreift. Mit Peter Snell, mit dem er bei The Wicker Man zusammenarbeitete, drehte er in Kanada Die Bäreninsel in der Hölle der Arktis (1979) nach Alistair McLean.

Am gedeckten Tisch zu Kerzenlicht sitzt Christopher Lee mit seinen alternden Kollegen
(1) Links nach rechts: John Carradine, Peter Cushing, Christopher Lee, Vincent Price und Sheiila Keith in Das Haus der langen Schatten © Black Hill Pictures/MGM

Ein letztes Treffen der Horror-Stars

Er kehrte auch immer mal wieder nach England zurück, z.B. 1979 für Der Pass des Todes von J. Lee Thompson. Kevin Connors Im Bann des Kalifen brachte ihn wieder mit seinem Freund Peter Cushing zusammen. 1982 wurden die Horror-Stars Christopher Lee, Peter Cushing und Vincent Price noch einmal vereint. Für Das Haus der langen Schatten beauftragte Cannon Films London den Briten Pete Walker, einen altmodischen Horrorfilm mit Starbesetzung zu inszenieren. Zum Trio stieß noch John Carradine, und Walker bekam die Gelegenheit, seine Stamm-Aktrice Sheila Keith mit einzubringen (1). Peter Cushing und Vincent Price waren hier schon im tiefen Herbst ihrer jeweiligen Leinwand-Karriere. Christopher Lee war zu dem Zeitpunkt immerhin auch schon 60 Jahre alt. Doch er sollte noch mehr als 30 Jahre im Geschäft vor sich haben.

Fehlentscheidungen und das alte Image

Die 80er-Jahre waren dagegen für den distinguierten Briten in seiner zwischenzeitlichen Heimat nicht so ergiebig. Christopher Lee hatte gleich zu Beginn seiner neuen Karriere in den USA und Hollywood gleich zwei große Fehlentscheidungen getroffen. Zuerst einmal hatte er 1978 die Rolle des Dr. Loomis in einem kleinen Horrorfilm namens Halloween abgelehnt, die seinen Landsmann Donald Pleasance unsterblich machte. Dann sollte er den Arzt in Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug (1980) spielen. Er überließ dies Leslie Nielsen, und der startete so seine äußerst erfolgreiche, zweite Karriere als Komiker.

Im 1981er Chuck-Norris-Vehikel Der Gigant von Steve Carver darf er wieder einmal den bösen Strippenzieher geben, der den Archetypus für viele Copfilme der kommenden Jahre festlegte. Für den Zeichentrickfilm Das letzte Einhorn (1982) sprach Christopher Lee den alternden König Haggard in der englischen wie auch deutschen Sprachfassung. Neben der Musik von America, trug er dazu bei, dass das kitschige Märchen-Abenteuer vor allem hierzulande eine treue Anhängerschaft besitzt.

Und immer wieder Horror

Von seinem Image als Bösewicht und auch vom Horror-Genre konnte sich Christopher Lee nicht lösen. Mit Filmen wie Mask of Murder (1985) und dem trashig-splattrigen Werwolf-Sequel Das Tier 2 (1985) trat er künstlerisch und auch karrieretechnisch auf der Stelle. In der russisch-skandinavischen Koproduktion Mio, mein Mio (1987) mimte er wieder den Antagonisten, den bösen Ritter Kato. Ein Jahr später landete er noch ein letztes Mal für Jess Franco vor der Kamera. Der Film hieß Dark Mission und brachte ihn mit den B-Stars Richard Harrison, Christopher Mitchum sowie Brigitte Lahaie zusammen. Fall of the Eagles (1989) stellte seine letzte Zusammenarbeit mit dem immer noch emsig drehenden Spanier dar.

Christopher Lee – Keine Lust aufs Altenteil

Die 90er-Jahre begannen für Lee wieder etwas vielversprechender. Er hatte einen bemerkenswerten Auftritt als skrupelloser Wissenschaftler in Gremlins 2 – Die Rückkehr der kleinen Monster (1990) von Joe Dante. Hier durfte er mal sein Image als Bösewicht persiflieren. Danach arbeitete er mit dem mexikanischen Regie-Exzentriker Alejandro Jodorowsky in The Rainbow Thief (1990). Er spielte im letzten Film des Briten Gordon Hessler, dem Samurai-Drama Shogun Mayeda (1991) neben Sho Kosugi den spanischen König Philip (2). Blood Sacrifice (1991), ein Sequel des Lovecraft-Horrors The Curse (1987), sollte erst einmal sein letzter drittklassiger Horrorfilm werden.

Der König begutachtet erfreut die Geschenke der Gäste aus dem Osten
(2) Christopher Lee macht auch im Kostüm eine gute Figur in Shogun Mayeda © New KSM

Rückkehr nach Europa

Mitte der 90er drehte er in England mit Justin Hardy, Sohn des Wicker Man-Machers Robin Hardy, die Horror-Komödie Funny Man und den familienfreundlichen A Feast at Midnight (beide 1994). Er verließ auch sonst kaum die alte Welt, drehte zuvor in Italien mit Starkomiker Adriano Celentano die Komödie Jackpot (1992) und in Moskau Police Academy 7 – Mission Moskau (1994).

Ebenfalls 1994 ließen Christopher Lee und sein langjähriger Freund Peter Cushing ihre gemeinsame Leinwand-Vergangenheit in Flesh and Blood: The Hammer Heritage of Horror noch einmal Revue passieren. Sie führten als Erzähler durch die Geschichte des Studios, dass sie beide berühmt gemacht hatte. Peter Cushing verstarb kurz nach der Premiere der Dokumentation Anfang August 1994. Mitte des Jahrzehnts konzentrierte sich Lee wieder auf seine Arbeit für das Fernsehen.

1998 drehte Lee mit Talos, die Mumie von Russell Mulcahy, wo er im Prolog einen Archäologen mimt, mal wieder einen handelsüblichen Horrorfilm. Im selben Jahr übernahm Christopher Lee die Hauptrolle in einem Film, den er als den wichtigsten seiner Karriere, seine Leistung darin als seine beste bezeichnete. In Jinnah spielte er die Titelrolle des Muhammad Ali Jinnah, den Gründer des heutigen Pakistans. Der Film behandelt mehrere Stationen des Vorsitzenden der indischen Muslimliga mit dem Schwerpunkt auf seinen letzten Jahren und den Ereignissen, die zur Gründung des muslimischen Staates Pakistan führten.

Christopher Lee im TV

Der lange Brite hatte auch zwischenzeitlich in erfolgreichen Serien gastiert. Er hatte Auftritte in Alfred Hitchcock zeigt… (1964), gleich derer zwei in der Kult-Serie Mit Schirm, Charme und Melone (1967+69). In Mondbasis Alpha 1 (1975) fand seine Rolle als Captain Zantor dermaßen großen Anklang unter den Fans, dass die Episode später als Comic neu aufgelegt und auch in einem Fanfilm fortgesetzt wurde. Und es wurden darüber hinaus gleich zwei Actionfiguren seines Charakters angefertigt, eine schon 1975 und eine weitere im Jahre 2005.

Der exotische Außerirdische Zantor steht neben Commander Koenig
(3) Christopher Lee ließ sich auch mal durch Schminke verunstalten: mit Martin Landau auf Mondbasis Alpha 1 © Sunrise Entertainment

In den Staaten hatte Christopher Lee eine wiederkehrende Rolle in 3 Episoden der Western-Serie Durch die Hölle nach Westen (1978), einer TV-Version des Western-Epos Das war der Wilde Westen (1963). Er gab den Bösewicht der Comic-Adaption Captain America II: Death Too Soon (1979) mit Reb Brown. Es folgten die Event-Mehrteiler Der Pirat (1978) und Goliath: Sensation nach 40 Jahren (1981). Der große Engländer spielte Prince Philip, den Ehemann der Queen, in Charles & Diana: A Royal Love Story (1982), eine US-Produktion für NBC.

Weitere TV-Projekte waren die erste HBO-Mini-Serie Palast der Winde (1984), Shaka Zulu (1986/89) sowie In 80 Tagen um die Welt (1990) mit Pierce Brosnan. In Death Train (1993) steht er Brosnan als Widersacher gegenüber. In Sherlock Holmes und die Primadonna (1991) und Sherlock Holmes und der Stern von Afrika (1992) darf er noch einmal den Meisterdetektiv mimen. Regie bei ersteren führte übrigens Hammer-Veteran Peter Sasdy. Er stand u.a. bei den Bibel-Verfilmungen Die Bibel – Moses (1996) und  Am Anfang (2000) vor der Kamera. Beide Male verkörperte er den Pharao Ramses.

Riesiges Comeback im neuen Jahrtausend

Anfang der 2000er erlebte dann die Karriere des großen Engländers einen zweiten Frühling. Seine Engagements in dieser Zeit sorgten dafür, dass auch noch heute jeder Filmfan den Namen Christopher Lee kennt. Die jüngeren Fans werden gewiss nicht mehr wissen, dass er schon Ende der 50er-Jahre zum Horrorstar avancierte. Zum einen castete ihn Peter Jackson als den Antagonisten, den Zauberer Saruman, in seiner Der Herr der Ring-Trilogie (2001-03). Eine zweite prestigeträchtige Rolle dachte ihm George Lucas an, der ihn in Star Wars: Episode II – Der Angriff der Klonkrieger (2002) und Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith als bösen Sith-Lord Count Dooku besetzte. Diese fünf Filme gehörten zu den größten Blockbustern der frühen 2000er.

Er beehrte dann auch noch andere Produktionen mit seiner Präsenz, wie Die Purpurnen Flüsse 2: Der Engel der Apokalypse (2004), die Buch-Verfilmung Der goldene Kompass (2007), das Kriegs-Drama Triage (2009) und Martin Scorseses Liebeserklärung an das Kino Hugo Cabret (2011). Mit The Resident (2011), einer Produktion der wieder ins Leben gerufenen Hammer Films Studios, kehrte Christopher Lee noch einmal zu seinen Wurzeln zurück.

Neue, düstere Gefilde

Ganze fünf Male arbeitete er mit Tim Burton und Johnny Depp, die er beide sehr schätzte, zusammen. Bereits 1999 übernahm er eine kleine Rolle als Bürgermeister in der Schauermär Sleepy Hollow, es folgten Charlie und die Schokoladenfabrik (2005) und Dark Shadows (2010). Bei Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche (2005) und Alice im Wunderland (2010) ist nur seine Stimme zu hören.

Christopher Lee auf dem roten Teppich der Berlinale 2012
Opening of the 62nd Berlin International Film Festival © Siebbi CC BY 3.0

Der Mann mit der tiefen Stimme

Christopher Lee war schon lange ein gefragter Voice-Actor. In den 90ern begann er, auch an der Vertonung von Video- und Computerspielen mitzuwirken. Darunter waren renommierte Titel wie Freelancer (2003), Everquest II (2004) und Kingdom Hearts II (2005). Natürlich übernahm er auch den Part des Saruman wieder für die Spiele Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003), sowie den Spinoffs The Lord of the Rings: The Third Age (2004) und The Lord of the Rings: Battle for Middle Earth plus Fortsetzung (2004/06). Genauso sprach er die Rolle des Scaramanga in Golden Eye: Rogue Agent (2004).

Christopher Lee – Eine Legende ging von uns

Die Filmkarriere des umtriebigen Briten umfasste eine Zeitspanne von gut 67 Jahren. In dieser Zeit war er in weit mehr als 200 Filmen und Fernsehserien zu sehen. Es gibt in der IMDb sage und schreibe 280 Einträge von ihm als Actor. 2007 wurde er unter der Rubrik „Most screen credits for a living actor“ eingetragen, außerdem war er auch der „Oldest videogame voice actor“. Der begeisterte Sänger hatte Zeit seines Lebens einen besonderen Hang zur Musik, wirkte 1977 im Rock-Musical The King of Elfland’s Daughter als Sänger und Erzähler mit. Lee nahm z.B. Ende der 80er mit der Sängerin Kathy Joe Daylor die Single „Little Witch“ auf, komponiert und produziert von Ralph Siegel. Im Jahr 2010 reanimierte er seine kurzlebige Firma Charlemagne Productions, um darüber zwei Alben mit Metal-Musik zu veröffentlichen.

Christopher Lee hielt nicht viel vom Altersruhestand und arbeitete bis quasi zu seinem Tod am 7. Juni 2015 durch. Der wohl bedeutendste Schauspieler des vor allem 20sten Jahrhunderts wurde stolze 93 Jahre alt.

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