Quatermass – Hammers Weg zum Horror

Quatermass - Hammers Weg zum Horror Lesedauer: ca. 5 Minuten

Hammer Films hatte seine ersten Jahre nach dem Krieg zu einem großen Teil mit Thriller- und Krimi-Kost bestritten. Dann verlegte man sich auf sogenannte “Quota Quickies”.  Dies waren kostengünstige Produktionen, die über Umwege durch Geld aus Übersee, also den USA, finanziert wurden. Der Zweck dieser Filme war, im Doppelpack mit großen amerikanischen Filmen in die Kinos zu laufen. Denn auf der Insel herrschte schon seit 1927 der Cinematograph Films Act. Dieser sah vor, dass eine bestimmte Prozentzahl der in Lichtspielhäusern gezeigten Filme in Großbritannien entstanden sein musste. Ab 1951 hatte Hammer einen Vier-Jahres-Vertrag mit dem US-Produzenten Robert Lippert. Als dieser Deal sich seinem Ende näherte, musste man sich in der Führungsetage umorientieren und eine neue Richtung finden. Die Lösung hieß: Quatermass.

Hammer, Quatermass & das Unbekannte

Schon zuvor hatte Hammer Geschäftsbeziehungen mit der BBC unterhalten. Die dreiteilige Filmreihe um den Geheimagenten Dick Barton (1948-50) basierte auf einer beliebten Figur, die Millionen Briten jeden Abend ans Radio fesselte. Das BBC Sci-Fi Serial The Quatermass Experiment war 1953 ein Straßenfeger, das Finale des Sechsteilers schauten bis zu sechs Millionen Menschen. Nahezu jedes Fernsehgerät der noch jungen TV-Nation England war zugeschaltet. Unter den Zuschauern war auch Hammer-Produzent Anthony Hinds, der begeistert war und sich sofort die Rechte für eine Film-Bearbeitung sicherte. Es war die Geburtsstunde des Hammer-Horror.

Schock/The Quatermass Xperiment (1955)

Das Script wurde von Richard Landau angefertigt, aber von Regisseur Val Guest, einem ehemaligen Filmkritiker, noch einmal gründlich überarbeitet. Für die Hauptrolle verpflichtete man den Amerikaner Brian Donlevy, der 1939 für einen Oscar als bester Nebendarsteller nominiert gewesen war. Sehr zum Missfallen von Quatermass-Schöpfer Nigel Kneale, der den Schauspieler einen „abgehalfterten Ex-Hollywood-Star“ nannte. Wegen einiger für die damalige Zeit ungewöhnlich naturalistischer Gewalt-Szenen erhielt der Film in England die höchste Freigabe, ein X-Rating (in DE etwa „ab 18“). Hammer Films änderte die Schreibweise des Titels publicity-trächtig in The Quatermass Xperiment – heutzutage trägt der Film freilich eine weit niedrigere Freigabe ab 15 (UK) bzw. 12 Jahren (DE).

“Eine Rakete schlägt nächtens im ländlichen England unter großem Getöse in einen Acker ein. Es ist die erste bemannte Mission der British Rocket Group, die deren Leiter, Professor Bernard Quatermass, eigenmächtig starten ließ. In der Rakete befindet sich nur der verstörte Caroon, seine beiden Mitstreiter sind verschwunden. Caroon flieht mit Hilfe seiner Frau aus der Isolation im Krankenhaus. Er durchschreitet eine Metamorphose, verwandelt sich in ein Wesen, das die ganze Menschheit bedroht…”

Statt außerirdischer Monster, die uns in fliegenden Untertassen heimsuchen, kommt das Grauen hier als blinder Passagier. Es steckt sogar in einem lebendigen Menschen und lässt seinen Körper eine unvorstellbare Metamorphose vollziehen. Aus der Science-Fiction-Vorlage kreiierte man bei Hammer daraus einen Horrorfilm. Der Film spaltet sich in zwei Handlungsstränge. Der eine fokussiert auf die Veränderungen Caroons, der andere Quatermass‘ Suche nach deren Ursprung. Val Guests pseudo-dokumentarischer Ansatz und die an den Expressionismus gemahnende Photographie des nächtlichen Londons in schwarz-weiß generieren eine überaus unheimliche und zugleich bedrohliche Atmosphäre. Sie macht das Phantastiche für den Zuschauer greifbar und plausibel.

XX… unbekannt/X – The Unknown (1956)

Nach dem Erfolg von Schock wollte Hammer natürlich einen ähnlich gelagerten Film nachschieben, am liebsten den nächsten Quatermass. Der junge Produktions-Assistent Jimmy Sangster schrieb ein Script, doch Nigel Kneale gab die Namensrechte seiner Figur für diesen Film nicht frei: So entstand mit XX… unbekannt ein eigenständiger Sci-Fi-Horrorfilm. Die Hauptrolle übernahm hier der Oscar-Preisträger Dean Jagger, er gewann die Trophäe 1949 als bester Nebendarsteller in DER KOMMANDEUR. Seine Gage wurde vom amerikanischen Mitproduzenten RKO Pictures bezahlt. Für die Regie engagierte man Joseph Losey, der auch die Dreharbeiten aufnahm. Aber da Losey in Hollywood auf der schwarzen Liste stand, wurde er durch Leslie Norman ersetzt. Es blieb Normans einzige Arbeit für Hammer, denn er konnte nicht mit Produzent Anthony Hinds und so ziemlich jeder andere am Set nicht mit ihm.

“Bei einer Militär-Übung in Schottland eine Art Strahlenwesen freigesetzt. Die undefinierte Masse zieht es zu anderen Strahlungsquellen. Darum wird der amerikanische Nuklearforscher Dr. Royston hinzugezogen, um eine Katastrophe zu verhindern…”

Der Film spielt sehr geschickt mit der damals verbreiteten, nicht greifbaren Angst vor den Gefahren der Atomkraft. Oftmals wird XX… unbekannt fälschlicherweise als Ripoff des US-Erfolgs Der Blob bezeichnet, jedoch entstanden beide Filme nahezu zeitgleich. Was ihm leider abgeht, ist das sich immer steigernde Gefühl der unmittelbaren Bedrohung, dass Schock durch Guests nüchternen Doku-Stil heraufbeschwor. Vom Gewaltgrad her ging man hier noch einen Schritt weiter. Irgendwoher musste das gewünschte, nomen est omen, X-Rating ja kommen. Deswegen darf man hier einen gar nicht mal so schlecht realisierten Effekt eines zerschmelzenden Gesichts bewundern.

Feinde aus dem Nichts/Quatermass II (1957)

Das TV-Serial zu Quatermass II lief bereits im Herbst 1955 erfolgreich auf BBC Television. Es sollte wieder eine gute Basis für eine Kino-Adaption durch Hammer Films bilden. Nigel Kneale, der mit dem Drehbuch des Erstlings und Brian Donlevy als Prof. Quatermass nicht zufrieden war, hatte sich seitens der BBC dieses Mal mehr kreative Einflussnahme zusichern lassen. Deshalb entwarf er mit Produzent Anthony Hinds die ersten Drehbuchentwürfe, an das wieder von Val Guest letzte Hand anlegte. Dass abermals Brian Donlevy die Hauptrolle übernahm, konnte er jedoch nicht verhindern. Als Investor und Vertrieb stieg United Artists ein, die ein Drittel des Budgets stellten. Feinde aus dem Nichts/Quatermass II war nebenbei das erste Sequel eines Kinofilms, der den Namen des Originals lediglich um die profane 2 erweiterte.

“Prof. Quatermass entdeckt, einem Meteoritenschauer folgend, eine geheime Basis des Militärs. Die gleicht erstaunlicherweise seinen eigenen Plänen einer Mondstation, für die er keine Geldmittel erhalten hatte. Vor Ort stößt er auf Widerstand und bei Regierungsvertretern in London auf taube Ohren. Allmählich wird ihm klar, dass er hier auf eine subtile Invasion von Außerirdischen gestoßen ist…”

Die dunkel-düstere Atmosphäre seines Vorgängers wich hier einem Gefühl der Paranoia, da Quatermass kaum mehr weiß, wem zu trauen ist. Allerdings hält dies auch nur bis zum letzten Drittel vor. Dies beginnt damit, dass aufgebrachte Bürger der naheliegenden Stadt, in einem Mob mit Fackeln und Heugabeln bewaffnet, aufs Gelände stürmen. Ein bisschen Gothic muss halt schon sein. Der Film funktioniert mehr als Paranoia-Thrillers denn Horror. Natürlich darf am Ende ein Monster from outer space nicht fehlen, größer ist es auch. Hingegen zum Vorgänger spielt der zweite Teil nahezu ausschließlich am Tage. Alles passiert quasi vor aller Augen, was die beängstigende Situation noch verstärkt.

Das grüne Blut der Dämonen/Quatermass and the Pit (1967)

Der dritte Teil der Reihe feierte als Fernsehfassung zwar schon Ende 1958 Premiere, doch die Filmumsetzung lag erst einmal sehr lange auf Eis. Nigel Kneale hatte mit den Arbeiten an einem Filmdrehbuch schon 1961 begonnen, doch Hammers Distributor, seit 1957 Columbia Pictures, hatte kein Interesse an dem Stoff. Dadurch scheiterte eine Finanzierung, trotz der wiederholten Bemühungen Hammers und Kneals, die veranschlagten Kosten gering zu halten, vorerst.

Als Hammer 1966 mit Seven Arts und 20th Century Fox neue Vertriebspartner auftun konnte, kam die Sache ins Rollen. Das grüne Blut der Dämonen wurde als erster der Reihe zeitgemäß in Farbe gedreht. Die Rolle des Quatermass ging an den Schotten Andrew Keir. Nigel Kneales hätte gerne André Morell aus der TV-Variante mitgebracht, doch der lehnte ab. Regie führte Roy Ward Baker, es war sein erster von sieben Filmen für Hammer. Mit Hammer-Star Barbara Shelley übernahm auch erstmal eine Frau eine tragende Rolle in der Reihe.

“Bei Bauarbeiten in der U-Bahnlinie Hobbs End werden zuerst Skelette und dann ein merkwürdiges Objekt entdeckt. Sofort wird das Bombenräumkommando alarmiert und mit ihm Colonel Breen. Dieser wird begleitet von Professor Quatermass, der der Theorie einer alten Fliegenbomber vehement widerspricht. Es liegt nun an ihm, den Paläontologen Dr. Roney und seiner Assistentin Barbara zu beweisen, dass dort eine alte Gefahr aus dem All  lauert…”

Es war eine schwere Geburt, und trotz einiger Querelen hinter den Kulissen ist allen Beteiligten ein unglaublich eindringlicher Sci-Fi-Horror gelungen. Es gibt schöne Sets der Underground mit ihren klaustrophobischen Gängen und eine atonale Soundkulisse, die einem in Mark und Bein geht. Beim obligatorischen finalen Monster setzt man, verglichen mit seinen Vorgängern, noch einmal gewaltig einen drauf. Es ist wahrlich einer der großen Klassiker des Studios.

Wollen sie mehr wissen?

Professor Quatermass ist seit den 50er Jahren ein fester Bestandteil der britischen Pop-Kultur. 1979 brachte Nigel Kneale seinen Helden noch einmal als Mini-Serie ins BBC Television, und 2005 gab es noch einmal ein Live-Remake der Original-Show. Kneale selber verfasste noch einige Drehbücher für Hammer und ging Anfang der 80er in die Vereinigten Staaten. John Carpenter ist ein großer Fan seiner Arbeit und zollte ihm mit Die Fürsten der Dunkelheit Tribut. Nigel Kneale verstarb 2006 mit 84 Jahren in London.

Einen ausführlichen Artikel über Quatermass gibt es in der englischsprachigen Wikipedia. Außerdem sind die TV-Serials der 50er als Box Set erhältlich. Von The Quatermass Experiment sind darauf leider nur zwei Episoden enthalten, alles andere an Material ist nicht mehr auffindbar.

 

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