Hammers Dracula

Der blutrote Titelschriftzug von Hammers Dracula Lesedauer: ca. 9 Minuten

Hammers Dracula, der in den Staaten als Horror of Dracula in den Kinos lief, gilt als Klassiker des Gothic Horrors. Zusammen mit Frankensteins Fluch und Die Rache der Pharaonen hauchte das Studio den Universal Monsters neues Leben ein. Im Folgenden gebe ich einen Überblick über die Story, wie sie sich im Film darstellt. Danach gehe ich näher auf dessen Besonderheiten und die Unterschiede zu Stokers Buch ein.

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Stab & Besetzung

  • England/USA, 1958
  • Regie: Terence Fisher
  • Darsteller: Peter Cushing, Christopher Lee, Michael Gough
  • Drehbuch: Jimmy Sangster
  • Musik: James Bernard
  • Kamera: Jack Asher
  • Schnitt: Bill Lenny

The TERRIFYING Lover who died – yet lived

Inhaltsausschnitt Hammers Dracula (1. Drittel)

Jonathan Harker ist gerade in Klausenburg, Rumänien, angekommen. Den Rest des Weges zum Schloss des Grafen Dracula muss er zu Fuß bewältigen, denn der Kutscher weigert sich, dort hinzufahren. Er soll als neuer Bibliothekar die Sammlung des Grafen katalogisieren. Im Schloss erwartet Harker ein Mahl und ein Brief des Grafen. Dann hat er eine seltsame Begegnung mit einer jungen Frau, die ihn um Hilfe bittet. Doch sie ist genauso schnell wieder verschwunden, wie sie erschienen ist, als Graf Dracula erscheint, um seinen Gast willkommen zu heißen. Er zeigt ihm noch sein Zimmer und unterrichtet ihn davon, dass er bis zum nächsten Abend abwesend sein werde und händigt Harker den Schlüssel zur Bibliothek aus, damit er morgen seine Arbeit aufnehmen kann.

Wieder allein, muss der vermeintliche Bibliothekar feststellen, dass der Graf ihn hier eingeschlossen hat. Er widmet sich seinem Tagebuch und geht im Kopf nun die nächsten Schritte seines Plans durch. Denn er ist mitnichten wegen der Bücher hier, sondern um dem todbringenden Treiben von Dracula, dem Vampir, ein Ende zu bereiten. Er will am nächsten Tag, wenn der Graf in seinem Sarg der Sonne entflieht, zuschlagen und macht sich erst einmal auf, das Schloss zu inspizieren.

Die Maske des Grafen Dracula fällt schnell

Im Saal trifft er dabei wieder auf die mysteriöse Frau, die vorgibt, vom Grafen hier gefangen gehalten zu werden. Als sie sich ihm hilfesuchend in die Arme wirft, blitzen in ihrem Mundwinkel scharfe Eckzähne auf. Bevor diese sich in Harkers Hals bohren können, fliegt die Tür auf und der Graf, wild wie ein Tier, mit roten Augen und Blut in den Mundwinkeln, aus denen ebenfalls lange, spitze Eckzähne ragen (1). Er springt zwischen die beiden und wirft die Vampirin zu Boden, die sich fauchend in Stellung bringt, um selber zum Angriff überzugehen. Doch sie hat keine Chance gegen den Vampirfürsten, und als Harker sich schützend vor sie stellen will, geht Dracula auch auf ihn los und beißt ihn.

Christopher Lee fletscht in Hammers Dracula die Beißerchen
(1) Der Graf wandelt sich schnell vom Aristokraten zum Monster: Dracula © Anolis

Jonathan Harker erwacht zu fortgeschrittener Stunde des angebrochenen Folgetages in seinem Zimmer. Erschreckt stellt er fest, dass seinen Hals zwei große Bisswunden zieren und weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. In den unteren Gewölben des Schlossen findet er das, was er gesucht hat, zwei Särge. Im ersten liegt der weibliche Vampir. Harker zögert nicht und zückt sein Rüstzeug, einen Hammer und einen Holzpflock. Er setzt den Pflock an ihre Brust, genau dort, wo das Herz sitzt. Ein Schlag, ein Schrei. Ein weiterer Schlag, und es herrscht Stille. Der junge Körper beginnt in Sekundenschnelle zu altern, es bleibt nur eine alte, faulige Hülle. Im anderen Sarg ist der Graf durch den Schrei seiner sterbenden Gefährtin aufgeschreckt. Noch bevor Harker sich ihm widmen kann, kommt Dracula ihm zuvor und befreit den Vampirjäger vom Leid der Lebenden.

Van Helsing tritt auf den Plan

Tags darauf trifft Professor Van Helsing in Klausenburg ein, um nach Harker zu suchen, der inzwischen schon über den Erfolg seiner Mission berichten sollte. In der örtlichen Gaststätte reagiert man abweisend, als er nach seinem Freund und Schloss Dracula fragt. Die Tochter des Wirtes schanzt dem Professor beim Servieren des Essens heimlich das Tagebuch Harkers zu, das an einer Weggabelung vor dem Schloss gefunden wurde. Was er darin liest, versetzt ihn in Aufregung und er eilt zum Schloss, wo gerade ein Bestatter mit einem weißen Sarg auf der Kutsche davonprescht. Das Schloss ist verlassen, doch in den Kellergewölben findet er die Leiche der Vampirin und den schlafenden Harker. Es bleibt ihm nichts Anderes übrig, als seinen Mitstreiter zu erlösen (2), denn seine ausgeprägten Eckzähne künden deutlich von seiner vollzogenen Verwandlung.

Peter Cushing hält als Van Helsing Hammer und Pflock bereit
(2) Peter Cushing muss seinen Mitstreiter erlösen: Dracula © Anolis

Im nicht weit entfernten Karlstadt, auf der anderen Seite der Grenze, überbringt er Arthur Holmwood und seiner Frau Mina die Nachricht vom Tod Harkers, denn Lucy Holmwood, Arthurs Schwester, war seine Verlobte. Diese ist derzeit krank und deswegen bettlägerig. Und ihre Krankheit nimmt in der Folge ein beunruhigendes Ausmaß an, sie wirkt abwesend und anämisch, denn des Nächtens bekommt sie Besuch vom Vampirgrafen, der auf der Suche nach einem Ersatz für seine tote Gefährtin ist und sich am Blut der Verlobten ihres Mörders labt…

Hammers Dracula – Ein Vergleich zwischen Buch und Film

Es ist sehr selten, dass man bei einem Film ein eigentlich viel zu geringes Budget als Glücksfall bezeichnen kann. Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass dieser Hammers Dracula, wäre die Produktion mit größeren finanziellen Mitteln gesegnet gewesen, nicht die Version, wie wir sie kennen und lieben, er vielleicht nicht einmal ansatzweise so großartig geworden wäre. Selbst durch die Beteiligung der damals angeschlagenen Universal Pictures standen nicht mehr als 85.000 Pfund für die Produktion des Films zur Verfügung.

Deswegen mussten die Produzenten James Carreras und Anthony Hinds schon im Vorfeld mehrfach den Rotstift bei Jimmy Sangsters Script ansetzen. Jedoch machte dieser aus der Not eine Tugend und dampfte die Geschichte bis auf ihre Essenz ein. Es gibt kein großes Schloss, mehr einen Landsitz (3), keine weiten Täler in den Karpaten. Auch die Jagd durch die Londoner Vororte musste weichen, von den Reisen per Bahn und Schiff über den halben Kontinent ganz zu schweigen. Sangster beschränkte sich auf zwei Handlungsorte, Klausenburg und Karlstadt, die zudem nur eine Kutschfahrt (die war noch drin) voneinander entfernt liegen, geographisch getrennt durch die deutsch-rumänische Grenze – in der deutschen Sprachfassung spielt die ganze Geschichte ausschließlich in England, allerdings in zwei verschiedenen Grafschaften.

Jonathan Harker ereicht das Anwesen Draculas
(3) Kein Schloss, eher ein Schlösschen: Dracula © Anolis

Änderung in Besetzung und Figurenkonstellation

Jonathan Harker ist kein junger Anwalt, der dem Grafen bei einem Immobilienkauf helfen soll, sondern ein Vampirjäger, der sich unter einem Vorwand in das Schloss einladen lässt, um Dracula zur Strecke zu bringen. Er ist ein Verbündeter des Gelehrten Van Helsing und somit das Bindeglied zwischen ihm und dem Grafen zu den anderen Charakteren. Anstelle von Mina, die hier mit Holmwood, im Roman eigentlich Lucys Verlobter, verheiratet ist. Lucy ist nun Harkers Verlobte, heiratet ihn aber nicht, da er ja auf dem Schloss stirbt, ist aber, wie im Roman, das erste Opfer Draculas. Lucys amerikanischen Verehrer, den Texaner Quincey P. Morris, gibt es im Film nicht. Dr. Seward tritt nur nebenbei auf, er ist einfach nur ein Arzt, Draculas Faktotum Renfield hat man ganz weggelassen.

Dracula besitzt somit auch kein eigenes Grundstück in der Stadt, und lässt statt mehrerer nur einen einzigen Sarg von einem Bestatter transportieren. Auch hatte er nur eine Gefährtin, statt derer drei im Buch.

Auch das Wesen des Vampirs wurde recht drastisch umgemodelt, er besitzt keinerlei übernatürliche Kräfte, die des Tags verschwinden, hier ist Sonnenlicht sogar sein größter Feind. Er versetzt zwar die Bewohner von Klausenburg in Angst und Schrecken, gebietet aber nicht über Zigeuner als Helfershelfer und von Wölfen in der Nacht ist hier selbstredend auch nichts zu sehen. Und das ewige Leben ist ein einsames, weswegen der Graf, nachdem Harker seine Gefährtin tötete, sich auf den Weg nach Karlstadt macht, um dessen Verlobte Lucy zu verwandeln, damit sie den leeren Platz neben ihm einnimmt.

Der Vampir als Junky & Raubtier

Van Helsing beschreibt den Vampir wie einen Drogenabhängigen, den Blutdurst als eine Sucht. Dies wird an Lucy, die sich nach ihrer Verwandlung zur Nahrungsbeschaffung auf wehrlose Kinder stürzt, deutlich (4). So scheinen die gebissenen Frauen nicht wegen Draculas, zwar durchaus vorhandener, Anziehungskraft an ihn gekettet, sondern wegen ihres anfänglichen Unvermögens, in dieser neuen Daseinsform schlicht und einfach zu überleben. Das macht Dracula schon fast zu so etwas wie einen Drogendealer. Draculas Gefährtin lebte in Angst vor ihrem Meister mit ihm zusammen.

Vampirin Luzy wählt ein Kind als Opfer
(4) Lucy sucht nach leichten Opfern: Dracula © Anolis

Doch zuerst gibt der Graf den Verführer. Das hat hier allerdings nichts Romantisches, sondern ist geprägt von animalischer Attraktion, sexuellem Verlangen. Dracula gibt sich auch nur kurz gegenüber Harker distinguiert; der Aristokrat ist eine reine Fassade, denn alsbald kommt das Tier in ihm zum Vorschein. Ab der Stelle, an der er sich dem Kontrahenten offenbart, spricht er bezeichnenderweise im ganzen Film kein einziges Wort mehr.

Die Rolle der Zensur in Hammers Dracula

Und hier kommt dann auch die Zensur der BBFC ins Spiel. Hammer musste das fertige Drehbuch, wie damals üblich, erst einmal der Freigabe-Behörde zur Abnahme vorlegen, die nach dem für damalige Verhältnisse überaus blutigen und brutalen (und auch im Vorfeld zensierten) Frankensteins Fluch natürlich ein besonderes Auge auf den nächsten Horrorfilm des Studios hatte.

Einige der Gewaltszenen mussten wohl im Vorfeld auch abgemildert werden, um den Segen der Zensoren zu erhalten. Was auf dem Papier aber nicht ersichtlich war, mit welchen Verve Christopher Lee den mörderischen Verführer darstellen würde. Es war gewiss nicht erkenntlich, wie viel sexuelle Spannung sich innerhalb der Szenen aufladen könnte. Die Anzahl der Szenen, die im fertigen Film dann noch beschnitten werden mussten, lässt sich heute nicht mehr eruieren. Denn die neu entdeckten Filmrollen aus Japan enthielten leider nur die letzte gut halbe Stunde. Immerhin kann man sehen, dass auch ein großer Schnitt gemacht wurde, als der Fürst des Nachts Mina in ihrem Schlafgemach aufsucht.

Dracula beugt sich lustvoll über Mina
(5) Der Graf ist ein Ladykiller: Dracula © Anolis

Mina ist in ihrer Ehe mit dem leidenschaftslosen Arthur sexuell frustriert, erwartet ihren animalischen Geliebten voller Sehnsucht. Mühelos verschafft der sich Eintritt durch das Fenster, der heimliche Liebhaber, kommt an ihr Bett. Und was dann passiert, war den Herren Zensoren zu viel des Guten. Darauf beschnuppert der Vampir noch Minas Gesicht, bevor er sich ihrem Hals zuwendet (5). Eine sehr sinnliche Szene, heutzutage wohl als eher harmlos anzusehen, trotzdem von einer nicht zu unterschätzenden erotischen Energie.

Doch am Ende bleibt von Dracula nur ein Häufchen Asche und ein alter Ring zurück. Arthur hat nun endlich seinen Stock aus dem Arsch gezogen.  Mina hingegen erlebte die Rausch und Ernüchterung (der Graf wollte sie auf seinem Grundstück in der Erde verscharren). Das Ehepaar Holmwood erhält somit eine zweite Chance auf ihr Glück.

Film vs Buch: Die Abweichungen in der Erzählweise in Hammers Dracula

Hingegen zur eher fahrigen Erzählweise von Stokers Roman kommt das Script von Jimmy Sangster ohne Schnörkel aus. Die Welt, in der der Film spielt ist klein, die Charaktere und ihre Motivationen sind einfach gehalten, das Beziehungsgeflecht übersichtlich. Die Exposition findet im Kopf von Harker, dessen Gedanken man beim Tagebuchschreiben (etwas, das Sangster aus dem Roman mitnahm) lauscht, statt. Dazu diktiert Van Helsings zwischendrin etwas in ein altmodisches Aufzeichnungsgerät. Der wesentliche Rahmen für das, was sich im Folgenden abspielt, transportiert Hammers Dracula schnell und verständlich. Zum Ende überschlagen sich dann die Ereignisse und es kommt zum dramatischen Höhepunkt, der finalen Auseinandersetzung zwischen Van Helsing und Dracula. Das passiert vielleicht etwas zu schnell, neben einigen Logikfehlern einer der wenigen Schwachpunkte des Scripts.

Ein Blick auf den Cast

Peter Cushing ist der Star des Films, er gibt den Van Helsing als getriebenen, erbarmungslosen Jäger. Das ist vielleicht nicht ganz so beeindruckend wie seine Rolle als Baron Frankenstein, ergänzt sich mit dem Antagonisten Dracula aber wunderbar. Christopher Lee hat wenig Screentime, packt aber viel Enthusiasmus in jede einzelne Szene, die er alle prompt dominiert. Wenn er anfangs Harker auf dem Schloss begrüßt, ist das wunderbar trocken und affektiert. Er ist das genaue Gegenteil von dem, was man nach dem in blutrot gehaltenen Titel (siehe Beitragsbild), unterlegt mit dem kraftvollen, dramatischen Thema von James Bernard, erwartet hätte. Der Graf scheint ein perfekter Gentleman. Doch man ist sich gleich gewahr, dass sich hinter seiner Maske etwas Gefährliches verbirgt.

John Van Eyssen ist als Harker überzeugend, er tritt zwar recht schnell ab, ist aber als die Figur, die die Handlung im Folgenden in Gang setzt, sehr wichtig für den Film. Im richtigen Leben ließ er früh von der Schauspielerei ab und betrieb eine Agentur für Autoren. Als Arthur Holmwood trägt Michael Gough gewohnt dick auf. Die Theatralik in seinem Spiel konterkariert die unterkühlte, pragmatische Art von Cushings Van Helsing vielleicht etwas zu sehr. Den steifen Ehemann, der nicht imstande ist, die Signale, die ihm seine Frau Mina sendet, überhaupt wahrzunehmen, nimmt man ihm aber mühelos ab.

Ein befriedigtes Lächeln ziert Minas Gesicht
(6) Ja, die Dame sieht befriedigt aus: Dracula © Anolis

Die Rolle der Lucy wird am interessantesten, wenn sie schließlich ihre Verwandlung zur Vampirin vollzogen hat. Carol Marsh sieht, auch den Makeup-Artists sei Dank, furchteinflößend aus. Sie kann Lucy zugleich auch eine gewisse Orientierungslosigkeit und Zerbrechlichkeit angedeihen lassen. Melissa Stribling hat als Mina eine der besten Szenen des ganzen Films. Wenn sie von ihrem ersten Treffen mit dem Fürsten der Finsternis heimkehrt, hat sie ein Lächeln im Gesicht, das von tiefster innerer Befriedigung kündet (6). Ihr Charakter glüht förmlich. Ein einfacher Blick, der so viel aussagt.

Fazit zu Hammers Dracula

Vor allem ist der Film in sich stimmig: die Optik, die Atmosphäre und die packende Musik von James Bernard. Die beiden Stars, Peter Cushing und Christopher Lee, ergänzen sich wieder großartig. Zusammen mit dem von Terence Fisher eingewobene animalisch-erotische Subtext ergibt das alles ein großes Ganzes. Hammers Dracula ist ein absoluter Horror-Klassiker. Er vereint alle Ingredenzien für den typischen Hammer Horror, wie man ihn die folgenden 20 Jahre zelebrieren wird. Man verquickt den klassischen Horror mit Sex und Gore in wunderschönem Technicolor.

3 thoughts on “Hammers Dracula

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