Mario Bava – The Master of Italian Gothic

Lesedauer: ca. 9 Minuten

Der Meister des italienischen Horrors hieß Mario Bava. Er leitete schon mit seinem Regie-Debüt Die Stunde, wenn Dracula kommt 1960 die Blütezeit eben jenes Genres ein. Dieses kreuz-unheimliche Grusel-Meisterwerk in Schwarz-Weiß hat bis heute nichts von seiner Intensität und Schönheit verloren. Seine folgenden Horrorfilme waren wie fiebrig-bunte Alpträume in knalligen Spektralfarben.

Seine Arbeit als Kameramann

Der Sohn des Malers und Bildhauers Eugenio Bava begann seine Karriere beim Film als Kameramann. Sein Auge für Bild- und Farbkompositionen, sein Wissen um Beleuchtung und die Arbeit mit der Kamera sollten seine späteren Filme prägen. Vor dem zweiten Weltkrieg verbot das faschistische Regime unter Benito Mussolini Filme aus dem Bereich der Fantastik, und auch nach dem Krieg dauerte es lange, bis solche Produktionen in Angriff genommen wurden. Mario Bava wurde bei Riccardo Fredas Der Vampir von Notre Dame/I vampiri 1956 als Kameramann engagiert. Freda schmiss aufgrund des engen Drehplans nach 10 Tagen das Handtuch, und Bava drehte den Film zuende.

Auch bei seinen folgenden Engagements wie dem Sci-Fi-Spektakel Der Tod kommt aus dem Weltraum/La morte viene dallo spazio (1958) unter Regisseur Paul Heusch durfte sich der Kameramann immer mal wieder in den Dreh einbringen (laut manchen Quelle soll er sogar den ganzen Film gedreht haben). Mit Riccardo Freda drehte er 1959 zuerst den Abenteuerfilm Hadschi Murad – Unter der Knute des Zaren/Agi Murad il diavolo bianco nach Leo Tolstoy. Danach arbeiteten sie an einem Sci-Fi-Horrorfilm zusammen. Und bei Caltiki – Rätsel des Grauens/Caltiki – Il mostro immortale kam es wieder zu Unstimmigkeiten zwischen Freda und dem Produzenten. Am Ende stand Bava alleine am Set und musste die kompletten Effekt-Sequenzen alleine überwachen. Im selben Jahr durfte er auch noch für Jaques Tourneur übernehmen, der das Set von Die Schlacht von Marathon/La battaglia di Maratona verließ, bevor die wichtigsten Szenen im Kasten waren.

Sein Durchbruch als Regisseur

Seine Aushilfsjobs als Ersatz-Regisseur brachten Mario Bava zwar keine Nennung im Abspann ein. Doch sein Arbeitgeber Galatea Films bewies ihm seine Dankbarkeit, sodass man ihm anbot, selbst einen (ganzen) Film zu inszenieren. Und zwar ganz nach eigenen Vorstellungen. Er entschied sich für eine Verfilmung von Nikolai Gogols Erzählung “Wij”, um eine dämonische Hexe, die in der Gestalt einer schönen Frau Jünglinge verführt. Daraus entstand das Drehbuch zu Die Stunde, wenn Dracula kommt/La maschera del demonio. Da Bava von Haus aus ja sehr um Optik bedacht war, wählte er Barbara Steele aufgrund von Fotos aus einem Magazin aus. Ihre ambivalente Schönheit sollte in der Doppelrolle die Hexe Aja und Nachfahrin Katia als jeweiliges Gegenstück zum anderen verkörpern.

Mario Bava inszenierte Barbara Steele als böse Hexe und unschuldige Nachfahrin
Die zwei Seiten der Barbara Steele: gefährlich und unschuldig – Black Sunday © Arrow Films

Bavas Schwarz-Weiß-Bilder zwischen betörender Schönheit und bedrohlich im Schatten lauerndem Grauen fanden ihre Entsprechung in der Doppelrolle Steeles. In seinem Heimatland nur mäßig erfolgreich, trat der Film seinen Siegeszug in Frankreich und den USA an. Hier wurde er auch gleich von Kritikern gerühmt. Und machte Barbara Steele zum Horror-Star.

Der Horror des Muskelmannes

Im Anschluss drehte Mario Bava mit Vampire gegen Herakles/Ercole al centro della terra (1961) mit dem englischen Bodybuilder Reg Park in der Hauptrolle. Mit seinem Beitrag zum Peplum- oder Sandalenfilm schuf er einen der schönsten Filme dieser Sparte. Zwar waren auch hier die großen Steine, die der übermenschliche Held stemmte, leicht als aus Styropo erkennbar. Doch Bavas fantastische Ausleuchtung ließen diesen Film, gerade in den Unterweltsszenen, in künstlicher Schönheit erstrahlen. Für die Rolle des Antagonisten konnte man zudem den Dracula-Darsteller Christopher Lee verpflichten. Ein Umstand, der die deutsche Titelschmiede sicherlich veranlasste, Vampire ins Spiel zu bringen.

Der bunte Horror des Mario Bava

Mario Bavas nächster reinrassiger Horrorfilm folgte 1963 mit dem Episodenfilm Die drei Gesichter der Furcht/I tre volti della paura. Hier entfaltete sich erstmals das brillante Farbenspiel, für das der Italiener heute noch berühmt ist. Bava erschuf dadurch eine durchgehend surreale, alptraumhafte Atmosphäre, die einen vollkommen einnimmt. In seinem späteren Meisterwerk Die toten Augen des Dr. Dracula/Operazione paura (1966) erreichte er in Verbindung mit detailverliebten Matte Paintings und allerlei perspektivischen Finessen ein Wirkungsmaximum. Er entfesselt hier eine optische Spielfreude, die ihresgleichen sucht und zudem dabei trotzdem immer zweckgerichtet wirkt. In den 70er-Jahren greift er noch zweimal auf eine derartige Farb-Dramaturgie zurück. Nicht besonders ausgeprägt tritt sie in Baron Blood/Gli orrori del castello di Norimberga (1972) auf. Hier variert er seine Geistergeschichte deutlich mit Slasher-Motiven. Mit Lisa und die Teufel/Lisa e il diavolo (1973) kehrt er wieder zu alten Tugenden zurück.

John Richardson schreitet einen unwirklichen Gang entlang
Die Kunst Bavas, Hintergrund, Beleuchtung und Personen in unwirklicher Weise zu verbinden in Die toten Augen des Dr. Dracula © Arrow Films

Auch im Jahre 1963 dreht Bava den eher altmodischen gestalteten Der Dämon und die Jungfrau/La frusta e il corpo. Hier erzählt er die Geschichte eines Toten, der seiner einstigen Geliebten als Geist erscheint und in den Wahnsinn treibt. Christopher Lee spielt den dahingeschiedenen, verhassten Sprössling eines Adelsgeschlechts. Er unterhält zu der Verlobten seines Bruders eine sado-masoschistische Beziehung und wird kurz nach ihrer Hochzeit ermordet. Der Film besitzt mehr von der Düsternis eines Die Stunde, wenn Dracula kommt, denn der farbenfrohen Lichterspielen der anderen großen Horrorfilme des italienischen Meisters.

Planet der Vampire

Ein weiteres wegweisendes Werk Mario Bavas stellt der SF-Horror Planet der Vampire/Terrore nello Spazio (1965) dar. Er verlegte das Grauen hier auf einen fernen Planeten. Dort sucht die Besatzung eines Raumschiffes nach Überlebenden eines Absturzes. Schon bald werden sie von Wesen heimgesucht, die sich der Körper der gesuchten Besatzungsmitglieder bemächtigt haben. Sie wollen das intakte Raumschiff benutzen, um von dem dunklen, wirtlosen Himmelskörper zu entfliehen. Rein optisch setzt der Farbkünstler wieder auf die bekannten warmen Farben, die er hier aber extrem kontrastiert. Denn sowohl die Uniformen der Astronauten wie auch die Umgebung des Planeten bieten hier Schwarz auf. Bava separierte die Farben mehr als in seinen vorangegangenen Filmen. Oftmals sind sie Ausdruck diffuser Lichtquellen und stehen in breit gefächerten Flächen nebeneinander im Raum.

Ein riesiges Alien-Skelett in Planet der Vampire von Mario Bava
Das Skelett erinnert schon ein wenig an den Space-Jockey aus Alien – Planet der Vampire © Legend Films

Planet der Vampire wird nachgesagt, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entstehung von Ridley Scotts Alien (1979) gehabt zu haben. Tatsächlich scheinen inhaltliche wie optische Parallelen offensichtlich. Alleine die Abbildung eines toten, versteinerten Aliens bei Bava ähnelt dem “Space Jockey” aus Alien so sehr, dass man an Zufälle nicht glauben mag. Scott und auch Drehbuchautor Dan O’Bannon widersprachen dem. Allerdings kam O’Bannon aus dem Dunstkreis John Carpenters, die beiden gingen auf die selbe Universität. Sie drehten darauf die SF-Parodie Dark Star (1974) zusammen. Und John Carpenter ist erklärter Fan des Bava-Films, was zumindest ein wenig an der Aussage des 2008 O’Bannons zweifeln lässt. Außerdem wurde Planet der Vampire seinerzeit von American International Pictures auch in den USA gezeigt und auch von damaligen Filmkritikern eher positiv aufgenommen.

Danger: Diabolik

Ein weiterer schon außergewöhnlicher Film aus dem Oeuvre Bavas entstand 1968. Produzent Dino De Laurentiis heuerte ihn an, um den Anti-Helden Diabolik aus der gleichnamigen Comic-Serie für die Leinwand zu adaptieren.Er wollte von dem Erfolg der beliebten Fantomas-Filme mit Jean Marais und Louis De Funde profitieren. Neben Gefahr: Diabolik/Diabolik produzierte Laurentiis auch Barbarella mit Jane Fonda, dem allerdings ungleich mehr Budget zur Verfügung stand. Bavas Film muss sich aber keinesfalls vor dem des Kollegen Roger Vadim verstecken. Optisch ist der Film wieder einmal ein Leckerbissen. Bava nutze die eigentlich billige Künstlichkeit seiner Sets aus, erschuf daraus die kalte Welt eines Mannes, der ohne Ziel durchs Leben geht. Dem von John Phillip Law gespielten Diabolik geht es nicht um den schnöden Besitz an sich, er hat auch kein höher gestecktes hehres Ziel, dass er verfolgt. Es geht ihm nur um den Coup an sich. Er ist ein gefühlskalter Adrenalin-Junky.

Mario Bava als Initiator des Giallo

Eine weitere Sparte des Italo-Cinema, die kaum ohne den Ausnahmekünstler in die Blüte gekommen wäre, ist der Giallo. In Italien ist es ein Ausdruck für vielfältige Thriller-Kost, wörtlich heißt es schlicht “Gelb”. Er leitete sich aus der Umschlag-Farbe populärer Krimi-Heftchen, Groschen-Romane, ab. Für Fans steht er für verschachtelte Kriminal-Plots um einen (Frauen-)Mörder. Dieses Subgenre rückte als erstes die Taten teils sehr grafisch in den Mittelpunkt.

Bavas erster Krimi spielt noch ein wenig mit der Beziehung seiner Protagonistin zu ihrer Lieblingslektüre, liefert aber auch einige später anerkannte Klischees zum Giallo ab. In The Girl Who Knew Too Much/La ragazza che sapeva troppo (1962) geht es um eine junge Amerikanerin, die bei einem Besuch in Rom Zeuge eines Mordes wird. Allerdings will ihr keiner glauben – bis auf den Arzt Dr. Bassi. Zusammen entdecken sie einen Zusammenhang mit einer über die Jahre andauernden Mord-Serie an Frauen, die bisher nicht aufgeklärt wurde. Der Film ist zwar mehr in Anlehnung an den Suspense-Meister Alfred Hitchcock entstanden, half aber bei der Stilbildung des Subgenre. So ist das Element der Ausländerin, die in einen Kriminalfall hineingezogen wird, gern genommen. Ebenso sind es Frauen-Morde, mit denen sich der Giallo fortan häufig befasst. Der Film an sich ist sowieso sehenswert, den Laeticia Roman und John Saxon geben ein putziges Pärchen ab.

Der schwarze Handschuhe mordet
Schwarze Handschuhe, scharfe Messer und Morde an Frauen sollten das Genre bestimmen – Blutige Seide © VZ Handelsgesellschaft

Blutige Farbspiele

Als Initialzündung für das Subgenre gilt der 1964 entstandene Blutige Seide/Sei donne per l’assassino. Der Film um eine Mordserie rund um ein Modehaus ist angefüllt mit ikonischen Einstellungen. Er lieferte das Bild des vermummten Killers mit schwarzen Handschuhen. Es sollte sich als das Trademark schlechthin für den Giallo etablieren. Gestaltungstechnisch hat dieser Klassiker noch sehr viel mit den Horrorfilmen Bavas gemein, weshalb er bis heute als einer der schönsten Gialli zählt. Es gibt zuhauf starke Kontraste, dunkle Ecken allerorts. Seine nächsten beiden Genre-Beiträge, Five Dolls for an August Moon/5 bambole per la luna d’agosto und Red Wedding Night/Il rosso segno della follia aus dem Jahre 1970, waren mehr dem kühlen Chic der späten 60er verhaftet, als die Flower-Power-Jahre endgültig vorüber waren. Sie waren im Stil zwar unverkennbar Bava, gestalteten sich aber, eben der Zeit geschuldet, auf andere Art mondän. Die Bildgestaltung ist hier auch mehr dem Wesen der Protagonisten angepasst.

In seinem letzten Giallo, dem Proto-Slasher Im Blutrausch des Satans/Reazione a catena (1971), ist dann eine nahezu komplette Abkehr vom einstigen Farbenspiel zu verzeichnen. Mario Bava hatte hier die Gier und Egoismus als zentrale Triebfeder menschlichen Handelns verortet. Die Handlung ist auf das nötigste reduziert und folgt Menschen, die entweder nach Besitz, nach sinnlichen Freuden oder nach Beseitigung von Vergangenem trachten. Die Gewalt wird hier sehr naturalistisch wiedergegeben. Passend dazu schwelgt der Film nicht in prachtvollen Bildern gut ausgestatteter Räumlichkeiten. Handlungsort ist eine großteils naturbelassene Bucht, die auch im Zentrum des Interesses steht. Alle Immobilien, die hier stehen, sind schlichtes Beiwerk, Örtlichkeiten. Es ist ein sehr brutaler Film, voll ätzend schwarzem Humors. Nebenher schuf Mario Bava hier Stilmittel (POV-Shot) und Tötungsszenarien, die später gerade vom amerikanischen Slasher dutzendfach wieder aufgegriffen werden sollten.

Der vielseitige Stilist

Auch wenn die meisten Filme, für die Mario Bava heute noch bekannt ist, aus den gerade genannten Genres stammen, war er, wie alle guten italienischen Filmemacher, eigentlich in jedem gerade angesagten Trend zuhause. Er drehte in den 60ern neben einigen Wikinger-Filmen, vornehmlich mit Gordon Mitchell, auch drei Western. Außerdem zieren genauso zwei Komödien seine Vita. 1973 inszenierte er zudem noch den Poliziesco Rabid Dogs/Cani Arrabiati, der allerdings erst 1995 von seinem Sohn Lamberto fertig gestellt wurde, da die Produktion pleite ging. Sein letzter Film, der vor seinem Tod in die Kinos kam, war wieder ein Horrorfilm. Die Geistergeschichte Schock/Shock (1977) war allerdings rein optisch weit von dem entfernt, was man gemeinhin mit Bava in Verbindung brachte.

Während seiner ganzen Karriere konnte Mario Bava kaum die Hand von der Kamera lassen. Die optische Gestaltung seiner Filme war ihm immer wichtig. Aber genauso brachte er sich in das Drehbuch ein, um ein gewisses Niveau bei den Geschichten zu garantieren – er sagte selbst, dass er Five Dolls… nicht mag, weil man ihm hier eben keine Zeit gab, das Skript zu überarbeiten. Ab Mitte der 60er begleitete sein Sohn Lamberto Bava ihn häufig als Regie-Assistent. Lamberto war auch bei der letzten Arbeit seines Vaters dabei. Er assistierte aber Dario Argento bei seinem Film Inferno (1980), bei dem sein alter Herr an den Special Effects beteiligt war. Lamberto inszenierte in den 80ern einige eigene, teils sehr erfolgreiche Horrorfilme und fand nach dem Niedergang der italienischen Filmindustrie im TV ein Zuhause. Von ihm stammt die berühmte TV-Fantasy-Reihe Prinzessin Fantaghirò/Fantaghirò.

Mario Bava – Ein großer Künstler

Ohne ihn wäre der Italian Gothic wohl nie aus den Puschen gekommen. Er erschuf einige der schönsten seiner Werke. Dazu darf er sich auf die Fahne schreiben, das Subgenre des Giallo begründet zu haben. Ihn veehren auch heute noch unzählige Fans. Mario Bava inspirierte mit seinem Stil viele erfolgreiche Regisseure nach ihm, darunter John Carpenter, Martin Scorsese, Frances Ford Coppola und auch Dario Argento. Letzterer nahm die Fackel Ende der 60er schon auf und schuf selbst Klassiker des italienischen Genre-Kinos.

Mario Bava verschied am 27. April 1980 nach einem Herzanfall im Alter von 65 Jahren. Seine Kunst war prägend, ist unersetzbar und überdauerte bis heute.

3 thoughts on “Mario Bava – The Master of Italian Gothic

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.